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Samstag, 4 Dezember 2021

Das angebliche Beruhigungsmittel im Trinkwasser

Inmitten einer Pandemie sollte man keine Panik haben, sondern Ruhe bewahren. Doch wird dies nun mit Beruhigungsmittel im Trinkwasser forciert?

Ein Screenshot ohne weitere Quellenangabe zeigt einen Zeitungsartikel. In diesem Artikel sind bestimmte Passagen mit einem Stift markiert. Es geht dabei um Beruhigungsmittel.

Diese Beruhigungsmittel sollen angeblich in einem Wasserwerk einer der größten deutschen Städte gelagert sein. Es soll sich um Chemikalien handelt, die im Krisenfall eingesetzt werden.

Beruhigungsmittel im Trinkwasser?
Beruhigungsmittel im Trinkwasser?

Mithilfe dieser Beruhigungsmittel sollen Menschen davon abgehalten werden, auf die Straße gehen zu können oder sich gar zur Wehr zu setzen. Man liest in dem markierten Bereich:

„Die Leiterin eines Wasserwerkes einer der grössten deutschen Städte berichtete bei einer vertraulichen Plauscherei am Rande einer großen Konferenz unvorsichtigerweise hinter vorgehaltener Hand, dass in ihrem Wasserwerk viele Fässer mit Beruhigungsmitteln und speziellen chemischen Zusätzen bereitstehen. Diese würden sofort ins Trinkwasser gekippt, falls es in dieser Stadt „unruhig“ werden sollte.“

Dies soll nach Angaben der nicht weiter genannten Informationsgeberin auch für andere Großstädte in Deutschland gelten.

Die Quelle des Zeitungsausschnitts

Auch wenn in dem Artikel die Worte „WELT ONLINE“ zu lesen sind, so hat der Text nichts mit der Zeitung oder dem Onlineangebot der WELT zu tun. Nach ersten Recherchen dürfte dieser Artikel in einer Ausgabe des GELDBRIEF erschienen sein. Das zumindest wird auf der Webseite Marketlettercorp.com angegeben (vergleiche).

Die GELDBRIEF Verlagsanstalt mit Sitz in Liechtenstein veröffentlicht mittlerweile im 48. Jahrgang (Stand 2020) Börsen- und Wirtschaftsinformationen. Ein öffentlich einsehbares Onlineangebot gibt es nicht, die Inhalte können nur nach einem abgeschlossenen Abonnement gelesen werden.

Der Artikel mit den Informationen über die Beruhigungsmittel dürfte aus einer Ausgabe aus dem Frühjahr 2012 stammen. Insofern gibt es historisch gesehen keinen Zusammenhang zwischen der Veröffentlichung und dem Coronavirus SARS-CoV-2.

Und warum steht dann da „Welt Online“?

Weil der Text unter dem umrahmten Abschnitt tatsächlich ursprünglich ein Artikel der „Welt“ vom 20. März 2012 war.

Der Artikel darunter stand ursprünglich auf Welt Online
Der Artikel darunter stand ursprünglich auf Welt Online

Welche Ansatzpunkte für Beruhigungsmittel liegen also vor?

Nicht viele. Da haben wir:

  • Eine unbekannte Leiterin eines Wasserwerks
  • Das Wasserwerk liegt in einer der größten deutschen Städte
  • eine vertrauliche Plauscherei
  • Infos hinter vorgehaltener Hand
  • auf einer großen Konferenz

Wer ist die Leiterin? Welches Wasserwerk? In welcher Stadt? Wer lauschte mit? Auf welcher Konferenz war das? Wann war das?

Bereits im April schickten wir eine Anfrage an „Geldbrief“ bezüglich des Artikels, erhielten jedoch bis heute keine Antwort. Es gab seitdem lediglich Anmerkungen, dasses sich um eine urbane Legende handele, welche bereits in den 90ern, also weit vor einem verbreiteten Internet und Social Media, kursierte.

Plausibilität?

Am Ende stellt sich natürlich die Frage nach der Plausibilität: Wenn in den Werken für die Wasserversorgung in Deutschland fässerweise Beruhigungsmittel stehen, warum hat sich bisher noch niemand dazu geäußert?

Wir reden hier nicht über eine Aussage, die erst gestern getroffen wurde, sondern vor bereits über 8 Jahren. Warum hat noch niemand diese Chemikalien bemerkt?

Ferner gibt es paralell keinerlei handfeste Quellen für die Aussagen. Zudem wären sie sehr ineffektiv, da nicht viele Leute nur Leitungswasser trinken, sondern höchstens zum Zähne putzen verwenden oder damit kochen. Ergo könnte mit großem Aufwand höchstens ein kleiner Teil der Bevölkerung beruhigt werden.

Gleichzeitig stünde auch die Frage nach der Konzentration der Beruhigungsmittel und der Dauer im Trinkwasser im Raum. Insgesamt muss man also als Fazit anmerken:

Fazit

Die Aussagen über Beruhigungsmittel aus der Publikation lassen sich so weit nicht näher bestätigen, da die Behauptungen einer nicht näher benannten Person sich zum aktuellen Zeitpunkt nicht nachweisen lassen.


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