Aktuelles B17 - Das krebsheilende Vitamin, das es nicht gibt

B17 – Das krebsheilende Vitamin, das es nicht gibt

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Immer wieder wird auf „alternativen Medizinseiten“ ein Mittel propagiert, welches angeblich die Heilung aller Formen von Krebs verspricht: Vitamin B17.

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Dieses Vitamin ist augenscheinlich so sensationell wirksam, dass es sogar verboten wurde! Zumindest behauptet das eine bestimmte Seite, wie uns eine Anfrage in unserer Community aufzeigt.

Screenshot mimikama.at
Screenshot mimikama.at

„Vitamin B17 wurde verboten, weil es Krebs heilt!“

So behauptet eine Seite namens „Krebspatientenadvokatfoundation“ (ein so ellenlanges Wort kann nur von einem Deutschen stammen), dass es ein ominöses Vitamin B17 gäbe, welches in den USA von der Food and Drug Administration (FDA) verboten wurde, weil es Krebs (und zwar sämtliche Arten von Krebs!) heilen würde. Auch würden Menschen rechtlich verfolgt werden, die über B17 Bücher schreiben oder öffentliche Vorträge halten. Jedoch scheint es einen Mann zu geben, der sich gegen alle stemmt: ein Dr. Coldwell, der „historisch in seinen Büchern immer von bis zu 16 Aprikosenkernen am Tag“ schreibt, welche Vitamin B17 enthalten und Krebs heilen können.

Was ist Vitamin B17?

Insgesamt existieren acht B-Vitamine (B1 – B3, B5 – B7, B9, B12). B-Vitamine mit anderen Nummern sind meist ungebräuchliche oder veraltete Bezeichnungen der organischen Verbindungen.

Vitamin B17 ist nun ein Sonderfall: Es ist nämlich ein Name, den man nur in der „Alternativmedizin“ findet. Dabei handelt es sich auch nicht um ein echtes Vitamin. Diese definieren sich dadurch, dass sie essentiell für den menschlichen Stoffwechsel sind, es also ohne jenes Vitamin zu Mangelerscheinungen kommt. Nun wird aber von Menschen wie Dr. Coldwell behauptet: B17 sei essentiell, aber wird verboten, weil es Krebs heilt.

Wer hat nun also recht? Dazu werfen wir erst einmal einen genauen Blick auf B17.
Jener Stoff wird auch Amygdalin genannt und findet sich in einigen natürlichen Lebensmitteln, unter anderem auch in Aprikosenkernen. Um die Verwirrung ein wenig zu erhöhen, wird der Stoff auch gelegentlich Laetril genannt. Beide Stoffe sind sich in der chemischen Struktur sehr ähnlich, aber nicht ganz baugleich. Jenes Laetril wird halbsynthetisch aus Amygdalin hergestellt und seit den 1950er Jahren als Wundermittel gegen Krebs propagiert.

Wie soll B17 wirken?

Da betreten wir die wunderbar einfache medizinische Welt der Alternativmedizin, in der alles relativ simpel erklärt werden kann.
Nimmt man Aprikosenkerne zu sich, welche ja Amygdalin enthalten, so wird jenes Amygdalin im Magen von Enzymen zersetzt, und zwar in Benzaldehyd, Glucose und (Achtung!) Blausäure. Blausäure ist für den Menschen hoch toxisch, und ein einzelner Aprikosenkern enthält bereits bis zu 0,5 mg davon. Als tödlich gilt etwa 50 mg Blausäure (je nach Körpergewicht). Da Blausäure auch teilweise (Achtung, nur teilweise!) durch den menschlichen Stoffwechsel wieder abgebaut wird, liegt die niedrigste tödliche Schwelle bei einem Erwachsenen mit 60 kg Körpergewicht bei etwa 40 Kernen in der Stunde.

Allerdings, und da kommen wir zum ersten Problem, wird Blausäure nicht komplett vom Körper ausgeschieden, sammelt sich also an. Somit kann eine regelmäßige Einnahme von Aprikosenkernen auf Dauer sehr wohl zu einer Blausäurenvergiftung führen!

Aber weiter im Text: Wie sollen die Kerne denn nun helfen?
Beim Abbau von Blausäure hilft ein Enzym namens β-Glucosidase, so Coldwell. Laut Dr. Coldwell sollen sich nun speziell bei Krebszellen erhöhte Werte von β-Glucosidase und Blausäure befinden. Durch die Einnahme von Aprikosenkernen werden nun also mehr β-Glucosidase-Enzyme entwickelt, die dann speziell nur die Krebszellen und deren Blausäure angreifen und sie dadurch vernichten.

Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Leider ist es das allerdings nicht, da β-Glucosidase, wenn auch nur in eher geringen Mengen, in allen menschlichen Zellen zu finden ist, nicht nur in Tumorzellen.

Ergänzung:
Das Enzym, was Blausäure entgiftet heißt Rhodanese. Es katalysiert die Reaktion von Cyanid und Thiosulfonat zu dem weniger giftigem Thiocyanat, was dann aus dem Körper ausgeschieden werden kann. Allerdings reicht das körpereigene Enzym bei einer Vergiftung nicht aus. Zudem wird es durch Vitamin C und Iod gehemmt. (Danke an Marei Rabe für den Hinweis)

Untersuchungen

Wie schon erwähnt, existiert diese Behauptung seit den 1950er Jahren. Da sie sich so hartnäckig hält, gab es dazu auch wissenschaftliche Untersuchungen, schließlich könnte ja doch etwas dran sein, was der Krebsforschung helfen könnte. Dazu setzten sich 2011 Wissenschaftler aus Deutschland, England und Belgien zusammen und durchwühlten acht Datenbanken, welche vom Februar 2011 bis zurück ins Jahr 1951 reichten, um nach Untersuchungen zu schauen, in denen Krebspatienten mit Amygdalin bzw. Laetril behandelt wurden. Zusätzlich kontaktierten jene Wissenschaftler auch noch Experten auf dem Gebiet, schauten sich nach unveröffentlichten klinischen Studien um und durchforsteten Referenzlisten.

Das Ergebnis jener Forschungsarbeit kann man sich in aller Ausführlichkeit auf den Seiten der Cochrane Library durchlesen. Da wir euch aber keine kilometerlangen Texte im medizinischen Fachenglisch zumuten wollen, hier eine Zusammenfassung:

– Über 200 Referenzen wurden gefunden, 63 davon waren davon für eine nähere Betrachtung geeignet.

– Sämtliche 63 Studien waren entweder minderwertig, sehr fehlerhaft, unzuverlässig, nicht verifizierbar oder zeigten keinerlei Verminderung des Krebses durch die Verwendung von Amygdalin

– Ein möglicher Nutzen von Amygdalin steht einer wahrscheinlichen Blausäurevergiftung durch diese Behandlungsmethode entgegen

– Die Ergebnisse jener Studien wurden von mehreren Fachleuten geprüft

Jene Cochrane Library ist, das sollte nicht unerwähnt bleiben, nicht irgendeine von vielen Datenbanken, sondern eine evidenzbasierende medizinische Datenbank, welche ständig von Medizinexperten aktualisiert und auf Fehler untersucht wird… quasi das Mimikama der Medizin.

Woher kommt die Behauptung?

Bereits in den 1920er Jahren experimentierte in San Francisco ein Dr. Ernst Krebs (kein Witz, der Mann hieß wirklich so) mit Aprikosenkernen, um den Geschmack von selbst hergestelltem Whisky zu verbessern. Im Zuge dessen gab er an, dass ein Extrakt aus Aprikosenkernen anscheinend Tumore in Nagetieren schrumpfen ließ. 1936 allerdings verlautbarte Dr. Krebs, dass das extrahierte Material, welches mittlerweile den Namen Amygdalin erhielt, zu unberechenbar und zu gefährlich für den menschlichen Körper sei.

Über 20 Jahre später griff sein Sohn, Ernst Krebs Jr., jene Forschungen wieder auf und behauptete, dass er Amygdalin, welches sein Vater als gefährlich betitelte, in eine sichere Substanz synthetisierte, welche er Laetril nannte. Wie bereits oben erwähnt, unterscheidet sich Laetril allerdings nur sehr unwesentlich vom Ursprungsstoff Amygdalin, die Wirkung auf den menschlichen Körper ist dieselbe.

Und wer ist nun dieser Dr. Coldwell?

Jener „Doktor“, welcher auf seiner eigenen Homepage „Krebspatientenadvokat“ in der dritten Person schreibt, heißt eigentlich mit bürgerlichem Namen Bernd Witchner und wurde 1958 als Bernd Klein in Deutschland geboren. Er ließ sich nach eigenen Angaben 1998 in den USA zu „Leonard Coldwell“ umbenennen, in Deutschland wird dieser Name nur als Künstlername anerkannt. Der Erwerb des Doktortitels konnte nirgends nachgewiesen werden.

Bekannt ist er unter anderem für seine Verbreitung reichsbürgerlicher Ansichten auf Facebook, aber auch als „Wunderheiler“ und Gründer einer Heilerkirche in den USA (Stichwort: Steuerfreiheit), welche aber mittlerweile wieder aufgelöst wurde. Sein medizinisches Können beschränkt sich darauf, dass er behauptet, in jungen Jahren seine Mutter mittels seiner Wunderheilkräfte vom Krebs geheilt zu haben.

Fazit

Wurde B17 also nun in den USA verboten? Ja, wirklich. Aber nicht, weil es angeblich Krebs heilt, sondern weil es Amygdalin enthält, welches sich im menschlichen Körper u.a. in Blausäure zersetzt und somit hochtoxisch ist. In Deutschland wurde das Mittel übrigens nicht verboten, wird allerdings auch nicht nennenswert verbreitet und ist auch nicht in Apotheken erhältlich.

Unterm Strich haben wir also das Wunschdenken vieler Krebspatienten, eine einfache Heilung zu bekommen, einen Doktor, der vor knapp 100 Jahren mit Whisky und Ratten experimentierte (wie kann man sich das vorstellen?), einen Sohn, der ein Geschäft witterte und einen falschen Doktor mit Künstlernamen, der das Geschäft um Bücher, eine Verschwörungstheorie und diverse Websites erweiterte.

Wollen wir hoffen, dass es eines Tages wirklich eine effiziente Methode zur Krebsheilung gibt. Aprikosenkerne gehören aber leider nicht dazu.

 

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