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Freitag, 23 Juli 2021
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Aufprall von Asteroid „Bennu“ nicht zu stoppen? – Unnötige Panikmache!

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Von dem Magazin „Gentside“ wird zur Zeit ein Artikel mit einem Video verbreitet, welches mit dramatischer Musik unterlegt den Weltuntergang ankündigt: Der Asteroid „Bennu“ soll im Jahr 2135 mit der Erde kollidieren und die NASA könne nichts dagegen tun. Was ist da nun dran?

Dieser Artikel und besonders das Video dazu sind eher dazu geeignet, Panik zu schüren, als sinnvoll zu informieren. Aber sehen wir uns erstmal an, womit wir es bei Bennu zu tun haben.

„(101955) Bennu“

Hinter dieser Bezeichnung verbirgt sich ein sogenanntes „Erdnahes Objekt“ (Near Earth Object, „NEO“), welches bereits am 11. September 1999 entdeckt wurde. Der Asteroid misst ca. 492 m im Durchmesser und umkreist in 436 Tagen die Sonne auf einer Umlaufbahn mit einer Inklination (Bahnneigung) von nur ca. 6° gegenüber der Ekliptik, also einer erdähnlichen Umlaufbahn. Alle 6 Jahre kommt es zu einem Vorbeiflug von Bennu an der Erde. Bennu gehört zum sogenannten Apollo-Typ, zu dem die Objekte gezählt werden, deren Umlaufbahn die der Erde kreuzen, also bei welchen die Möglichkeit eines Einschlages grundsätzlich gegeben bzw. überhaupt möglich ist.

Der Orbit von „Bennu“ (Bild: NASA / JPL)

Eine Studie des Astronomen und Experten für Impakte, also Einschläge von Himmelskörpern, Andrea Milani Comparetti, zeigt, dass Bennu im Jahr 2135 in einer geringeren Distanz als die Entfernung Erde – Mond vorbeifliegen wird. Dabei könnte seine Umlaufbahn durch die Erde so abgelenkt werden, dass er in weiteren Jahrzehnten bis einem Jahrhundert eventuell kollidieren könnte.

Nun liest man vielerorts, dass die Kollision im Jahr 2135 stattfinden soll. Dies ist zunächst grundlegend falsch und beruht auf einem einzelnen Fehler, der vielfach kopiert wurde. Denn in der Studie steht:

“Bennu makes a very close approach to the Earth on September 25th, 2135, and we modify Bennu’s ephemeris in our dynamics model slightly such that it instead hits the center of the Earth on that date”

Man hat also die Bahn von Bennu im Computer einmal verändert, und zwar so, als wenn er 2135 wirklich einschlagen würde, und dann geschaut, was man tun müsste, damit das nicht passiert. Jedoch stand in einer Pressemitteilung des Lawrence Livermore National Laboratory einmal die falsche Variante eines „sicheren Einschlags“, und alle restlichen Medien haben stumpf davon abgeschrieben. Hätte man nur einmal kurz nachgeschaut, wäre der Fehler sicher schnell aufgefallen.

Was auch immer also passieren oder auch nicht passieren wird: Wir alle werden es nicht mehr erleben. Und ob es überhaupt passieren wird, ist auch noch nicht klar.

Kann denn keiner etwas tun? Warum tut denn niemand was?

Natürlich können wir etwas tun, und das tun wir auch schon seit rund 20 Jahren: Wir beobachten den Asteroiden. Wenn ein Asteroid entdeckt wird, kann man anfangs meist wenig Aussagen über die Flugbahn treffen. Nach ein paar Tagen wird es schon genauer, weil wir mehr über die Bahn wissen. Und nach Wochen, Monaten, Jahren, wird es dann immer präziser, und zwar je mehr Daten über die Bahn wir haben, und je besser wir den Asteroiden kennen. Wir können die Bahn mittlerweile bis zu einem gewissen Grad recht genau vorhersagen.

Allerdings auch nur bis zu einem gewissen Grad, weil wir ein paar Unbekannte in der Gleichung noch nicht kennen: Zum Beispiel die Beschaffenheit des Asteroiden. Davon hängt nämlich ab, wie er auf eventuelle Gegenmaßnahmen von der Erde reagieren wird, und auch vor allem, wie stark der sogenannte Jarkowski-Effekt ist. Dieser Effekt beschreibt, wie stark ein Asteroid durch die Sonneneinstrahlung von seiner Bahn abgelenkt wird. Um dies sagen zu können, muss man wissen, aus welchem Material der Asteroid genau beschaffen ist. Also müsste man quasi hinfliegen und nachsehen. Und genau das tun wir:

Wir fliegen hin!

Die NASA-Mission „OSIRIS-REx“ (Origins Spectral Interpretation Resource Identification Security – Regolith Explorer) wurde im Jahr 2016 gestartet und wird am 3. Dezember 2018 in der Nähe des Asteroiden ankommen und sich ihm langsam nähern. Nachdem sie in eine 5 km hohe Umlaufbahn eingeschwenkt ist, wird sie Bennu mit diversen Kameras und Messgeräten genau untersuchen. Während der rund 500 Tage dauernden Beobachtungsphase wird der Orbit der Sonde Stück für Stück weiter abgesenkt werden, um schließlich mit dem speziell entwickelten TAGSAM (Touch-And-Go Sample Acquisition Mechanism) eine kleine Probe des Oberflächenmaterials von Bennu zu nehmen. Dieses wird dann in einem speziell dafür vorgesehenen Behälter an Bord der Sonde verstaut, bevor OSIRIS-REx sich auf den Rückweg zur Erde machen wird. Dort wird der Container dann ausgesetzt und im Jahr 2023 wieder bei uns landen. Mit der Untersuchung der Proben haben wir dann für die nächsten Jahrzehnte etwas zu tun.

Und neben generellen, spannenden Erkenntnissen über die Entstehung des Sonnensystems werden wir auch mehr über Bennu erfahren, und auch mehr über seine zukünftige Bahn sagen können. Denn Bennu ist eine einmalige Gelegenheit, in die Vergangenheit zu schauen. Hier ein interessantes Video dazu.

(Video ist auf Englisch, man kann auf Youtube aber in den Optionen über automatisch übersetzte Untertitel Deutsch einstellen, die Übersetzung ist sogar brauchbar.)

Und wenn er uns wirklich treffen wird?

Diese Möglichkeit besteht natürlich, aber in Panik sollten wir jetzt nicht verfallen. Mal generell gesagt: Pro Tag landen ca. 2 bis 3 Tonnen Gestein aus dem Weltraum auf der Erde. Die meisten Brocken sind vielleicht ein paar Millimeter groß, manchmal vielleicht eine Hasel- oder Walnuss. Größere Objekte sind seltener, man erinnert sich vielleicht noch an den Meteor von Tscheljabinsk, der am 15. Februar 2013 über der Stadt verglüht ist, damals entstand lokaler Sach- und Personenschaden, jedoch keine ernsthaften oder katastrophalen Schäden.

Wir kennen die meisten der erdnahen Objekte, die uns gefährlich werden könnten, aber es gibt natürlich auch Objekte, die wir noch nicht auf dem Schirm haben. Oder eben welche, wo wir es noch nicht genau sagen können, wie eben Bennu.

Wenn sich herausstellt, dass wir wirklich getroffen werden würden, dann sollten wir natürlich etwas dagegen tun. Und was man da überhaupt tun kann, da gibt es momentan verschiedene Theorien und Ansätze. Man könnte mit einer schweren Sonde sehr nah neben dem Asteroiden her fliegen, und mit der Gravitation den Asteroiden minimal vom Kurs abbringen. Je nachdem, wo in seiner Umlaufbahn man das macht, könnte das schon reichen. Oder man „montiert“ eine Art Triebwerk, das man dann zündet. Oder man schießt Sprengkörper auf ihn, um ihn damit abzulenken. Es gibt also eine ganze Reihe von Ideen. Diese sind zwar noch nicht getestet (wie auch?), aber es gibt immer mehr Bemühungen, konkrete Pläne zu entwerfen.

If I had a HAMMER…

Ein Konzept, das momentan auf den Reißbrettern weit fortgeschritten ist, ist das sogenannte „Hypervelocity Asteroid Mitigation Mission for Emergency Response vehicle“, oder auch HAMMER abgekürzt. Dabei handelt es sich um einen 9 Meter langen und 8,8 t schweren, unbemannten Flugkörper, der entweder direkt auf den Asteroiden geschossen werden soll, oder in der Nähe zur Detonation gebracht werden soll. Auch wenn HAMMER für Bennu wahrscheinlich nicht stark genug ist, ist das Konzept vielversprechend, auch wenn man für Objekte von der Größe von Bennu wahrscheinlich Nuklearsprengköpfe verwenden müsste.

Genaueres wissen wir mit der Zeit. Es gab übrigens schon einmal einen Asteroiden, der kurze Zeit im Verdacht stand, uns gefährlich werden zu können: Apophis. Auch er wurde in reißerischen Schlagzeilen als Weltuntergangsbringer angekündigt – dabei wusste man schon nach ein paar Tagen der Beobachtung, dass er uns nicht treffen wird.

Und die Schlagzeilen in den Medien?

Ganz einfach: Diese reißerischen Schlagzeilen, die Artikel mit Halbwissen und falsch interpretierten Fakten oder einfach mal weggelassenen Tatsachen, und vor allem so ein Video, was schon mit dramatischer Musik Ängste schürt, all diese Veröffentlichungen, DIE HELFEN NIEMANDEM!

Sie schüren nur Panik und vermitteln ein völlig falsches Bild von der Wissenschaft, von Asteroiden, von der Raumfahrt – von eigentlich allem.

Auch Florian Freistetter hat in seiner Rubrik „Schlechte Schlagzeilen“ bereits einen Artikel zu dieser Panikmache (die übrigens im März 2018 schon einmal die Runde machte und jetzt wohl nur wieder aufgewärmt wird) geschrieben.

Und nebenbei: Immer wieder wird die NASA angeführt, die irgendetwas beurteilt, erklärt, behauptet oder sonst etwas. Die NASA ist nicht der Weisheit letzter Schluss! Gerade bei der Beobachtung von Asteroiden arbeiten Astronomen rund um die Welt zusammen, sogar Amateur-Astronomen liefern teilweise Daten von Bahnbeobachtungen. Und es gibt Universitäten, einzelne Wissenschaftler, andere Raumfahrtunternehmen und ‚zig andere Institutionen die eine mindestens genau so fundierte Expertise haben, wie die Institutionen und Bereiche der NASA.

Bennu ist die einmalige Gelegenheit, mehr über unser Sonnensystem zu erfahren und Asteroiden besser zu verstehen. Asteroideneinschläge passieren, das geht gar nicht anders. Und irgendwann wird uns rein statistisch auch wieder ein Einschlag bevorstehen. Aber wir sind gerade dabei zu erforschen, wie man sowas verhindern kann. Und allein die Technik, mit der wir eine Probe entnehmen und zur Erde zurück bringen wollen, ist super spannend.

Und selbst manche Zahlen werden in all den Artikeln falsch interpretiert: Es wird überall von einer Wahrscheinlichkeit von 1:2700 geschrieben, mit der Bennu einschlagen soll. Dabei handelt es sich aber um eine kumulative Wahrscheinlichkeit, also die Wahrscheinlichkeit bei allen Vorbeiflügen zusammengenommen. Der einzelne fragliche Vorbeiflug, der dann nach dem „knappen“ Vorbeiflug von 2135 interessant ist, und von dem geschrieben wird, dass Bennu dort „mit Sicherheit“ einschlägt, dort beträgt die Wahrscheinlichkeit eher etwas um 1:24000. Da ist Autofahren wahrscheinlich gefährlicher…

Und auch die „apokalyptischen“ Auswirkungen eines eventuellen Einschlags sind übertrieben. Florian Freistetter schreibt dazu:

Übrigens: Von einer “Apokalypse” wäre selbst bei einem echten Treffer keine Rede. Von einer großen Naturkatastrophe sicherlich – aber ein 500 Meter Asteroid ist zu klein, um globale Auswirkungen zu haben. Es wäre also kein Ereignis, das man zB mit dem Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren vergleichen kann (Damals war der Asteroid 10 Kilometer groß!).

Es wäre also viel toller, wenn wir mehr Artikel zu lesen bekämen wie diesen: Asteroid „Bennu“ – Sonde „OSIRIS-REx“ fotografiert erstmals ihr Ziel. Unaufgeregt, verständlich geschrieben, informativ, technisch korrekt und mit verlinkten Quellen. So sollte es sein.

Aber mit Weltuntergangsszenarien Panik zu verbreiten ist ja lukrativer, was die Klicks angeht. Leider. Und erweist der Wissenschaft einen Bärendienst.

Bis wir demnächst, Anfang Dezember, mehr von OSIRIS-REx hören, hier schon mal ein Bild von der Erde mit dem Mond, welches die Sonde kürzlich gesendet hat:

Bild: NASA / JPL / Goddard Space Flight Center

Das ist nämlich auch spannend – wann sieht man unseren Heimatplaneten mal so?

Autor: Rüdiger, mimikama.at

Quellen und Links:


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Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell war. Die Wiedergabe einzelner Bilder, Screenshots, Einbettungen oder Videosequenzen dient zur Auseinandersetzung der Sache mit dem Thema.

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