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Mittwoch, 1 Dezember 2021

300 Peitschenhiebe, weil er über Jesus gesprochen hat? Ein Faktencheck

Ein Sharepic mit mehreren tausend Interaktionen zeigt einen Mann, der ausgepeitscht wird. Der genannte Grund: Er sei ein Christ und habe über Jesus gesprochen.

Keine weitere Quellenangabe, keine Nennung von Ort und Zeit. Dennoch erhält das Bild viele Interaktionen, weil es „gefühlt wahr“ wirkt.

Dass es diese Art der Bestrafungen gibt, daran besteht kein Zweifel. Auch das dargestellte Bild, welches übrigens ein Pressefoto ist und das wir daher aus urheberrechtlichen Gründen nicht ohne Weiteres zeigen können, ist echt und stammt aus dem Iran. Jedoch ist die Geschichte dahinter nach Medienangaben eine andere, als das Sharepic behauptet:

Screenshot Mimikama.at / bearbeitet
Screenshot Mimikama.at / bearbeitet

Man liest hier:

Saudi Arabien: Christ bekommt 300 Peitschenhiebe, weil er über Jesus gesprochen hat. Gleichzeitig werfen die Moslems den Europäern vor, sie seien intollerant (sic), weil man ihnen in Europa nicht genug Moscheen erlaubt.

Die Vorlage

Das Bild und auch der Text wurden nicht zum ersten Mal in einen gemeinsamen Zusammenhang gesetzt. Bereits im September 2016 tauchte dieses Bild mit der Beschreibung auf, der Mann habe in Saudi-Arabien 300 Peitschenhiebe für die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi bekommen (vergleiche hier).

Man Given 300 Lashes In Saudi Arabia For Preaching Gospel Of Jesus Christ

Jedoch gibt es auch an dieser Stelle keine weiteren Nachweise für den Inhalt und ob das Bild in diesen Kontext gehört. Wir haben an dieser Stelle zunächst lediglich eine unbewiesene inhaltliche Vorstufe vorliegen.

Bildersuche

Entscheidend ist hier die Bildersuche, die Ergebnisse aus verschiedenen Medienberichten liefert. Hierbei kommt heraus, dass dieses Bild aus dem Jahr 2007 stammt. Es zeigt Saeed Ghanbari, der 80 öffentliche Schläge in der Provinz Qazvin, (Iran, 165 km westlich von Teheran) erhielt. Ghanbari wurde wegen Alkoholkonsums und Sex außerhalb der Ehe verurteilt. 

Es gibt verschiedene Medienberichte und auch Fotos, welche dieses Foto eindeutig identifizierbar machen. So wie auf dem Foto hier, auf dem Ghanbari erkennbar von der Polizei begleitet wird.

Der gesamte Zusammenhang ist dann letztendlich auf der Webseite einer Bilderagentur zu finden. Hier werden Urheber des Bildes, Herkunft, Alter und auch Umstände genannt. Dass es sich bei diesen Bildern um die Originalbilder handelt, daran bestehen keine Zweifel.

Galerie der Agentur HIER

Die Bilder wurden von Mohammad Kheirkhah am 21. August 2007 wie bereits oben erwähnt in der Provinz Qazvin im Iran aufgenommen.

Und der Christ?

Da das Bild dementsprechend keine Bestrafung eines Mannes zeigt, der das Evangelium in Saudia Arabien lehrte, bleibt nun die Frage im Raum, ob es einen solchen Fall überhaupt gegeben hat.

Tatsächlich gab es in der Vergangenheit Fälle, in denen Menschen in Saudi-Arabien Peitschenhiebe erhielten, weil sie über das Christentum gesprochen haben. Im Jahr 2005 verurteilte beispielsweise ein Gericht in Saudi-Arabien einen Lehrer zu 40 Monaten Gefängnis und 750 Peitschenhieben, nachdem er die Bibel diskutiert und Juden gelobt hatte. Darüber berichtete die Washington Post am 14. November 2005.

Im Jahr 2013 berichtete FoxNews von einem Libanesen, der 300 Peitschenhiebe und 6 Jahre Haft erhielt, weil er einer Frau bei der Bekehrung zum Christentum half (siehe hier).

Was hier jedoch der Schilderung am nächsten kommt, dürfte der Fall um Brian Savio O’Connor sein, eines damals in Saudi-Arabien ansässigen indischen Christen. Diese Meldungen stammen aus dem Jahr 2004.

O’Connor wurde ursprünglich am 25. März 2004 wegen „Verbreitung des Christentums“ von der saudi-arabischen Religionspolizei Muttawa verhaftet. Berichten zufolge wurde der Inder nach seiner Verhaftung von der Polizei gefoltert. Am 20. Oktober verurteilte ein saudisches Gericht in Deerah bei Riyadh Brian Savio O’Connor zu zehn Monaten Gefängnis und 300 Peitschenhieben wegen des Verkaufs von „alkoholischen Getränken“.

Der Fall findet sich in der Berichterstattung der Nachrichtenagentur der katholischen Kirche „Fides“. Siehe hier und hier.

Fazit

Bild und Text haben nichts miteinander zu tun. Das Bild stammt aus dem Jahr 2007 und zeigt eine Bestrafung wegen Ehebruchs und Alkoholmissbrauch, der Text ist potentiell auf einen Fall aus dem Jahr 2004 zurückzuführen, bei dem Brian Savio O’Connor zu eben 300 Hieben verurteilt wurde. Offiziell zwar wegen des Besitzes von Alkohol und Drogen, nach Angaben von Medienberichten jedoch, weil er das Christentum gepredigt habe.


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