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Affenpocken: Die Boulevardsünde!

Affenpocken ein Affentheater? Seit ein paar Tagen kennen auf einmal alle Menschen in Mitteleuropa diese Krankheit. Affenpocken als die neue große Seuche, die über uns alle herfällt?

Andre Wolf, 24. Mai 2022

Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Genau das könnte man eigentlich auch zu der Thematik der Affenpocken sagen. Im Grunde genommen geht es an dieser Stelle um die mediale Berichterstattung zu dem Thema Affenpocken (wir haben vor wenigen Tagen bereits unter dem Titel „Affenpocken – Ja, es gibt mehrere Fälle, doch Panik ist nicht angebracht“ zu dem Thema informiert).

Es ist ein Thema, mit dem gerade nach zwei Jahren Pandemie die gebeutelten Menschen wieder aufgestachelt und aufgeheizt werden. Sicherlich, viele Medien berichten ausgewogen und sachlich zu diesem Thema. Es gibt auch eine Menge dazu zu sagen und auch eine Menge zu erklären, doch augenscheinlich reicht das gerade im Bereich der Boulevardmedien nicht aus. Nein, es ist mir nicht verborgen geblieben, wie mit heftigsten Headlines teilweise Menschen wieder aufgescheucht werden und (gezielt?) verrückt gemacht werden.

Speziell die großen deutschen, aber auch österreichischen Boulevardmedien stoßen hier kräftig ins Horn. Begriffe wie Quarantäne werden genutzt. Die Affenpocken werden auf einer Metaebene mit der Pest oder dem Coronavirus dargestellt, teilweise wird auch eine (nicht vordergründige) AIDS-Metapher aufgebaut. Das dient natürlich dazu, dass Klicks oder Zuschauerzahlen generiert werden. Das dient auch dazu, dass die Medien mit ihren Schlagzeilen im Gespräch bleiben. Spielt es eine Rolle, ob das stimmt, was in den Schlagzeilen geschrieben wird? Wirtschaftlich gesehen natürlich nicht. Denn Affenpocken sind ein augenscheinlich willkommenes und großartiges Thema, um wieder neue Leser, neue Aufreger und am Ende wieder neues Geld zu generieren.

Affenpocken: Ein thematischer Segen?

Die Coronapandemie ist eigentlich tot. Sie ist zumindest thematisch schon lange tot, vor allem seitdem wir wieder halbwegs sommerliche Temperaturen haben und das Virus bis zum Herbst auf dem Rückzug ist. Der Ukrainekrieg ist inhaltlich (leider) auch schon tot, da wir seit geraumer Zeit einen Gewöhnungseffekt vorliegen haben. Das ist nicht böse gemeint, aber bei allen großen medialen Themen tritt auf Dauer ein Gewöhnungseffekt ein, sofern sich diese Themen nicht dynamisch zeigen. Und der Ukrainekrieg zeigt sich in dem Sinne medial derzeit nicht dynamisch, da nicht viel Neues passiert, was medial vermarktet werden kann.

Und nun kommen die Affenpocken. Die Affenpocken, eigentlich nichts wirklich Relevantes, werden speziell von Boulevardmedien völlig überhöht in der Berichterstattung dargestellt. Es handelt sich um ein Thema, dass im Grunde nur aufgrund seiner selbst sich verbreitet. Denn wenn wir genauer hinschauen, finden wir natürlich eine große Menge an vernünftiger Berichterstattung zu dem Thema. Viele seriöse Medizinerinnen und Mediziner haben sich zum Thema Affenpocken geäußert und es steht fest, dass wir hier bei weitem nicht mit einer Quarantäne oder gar irgendwelchen Lockdowns rechnen müssen. Wir haben bei ebenso nicht die gleiche Ebene oder die gleichen Anlässe vorliegen wie beim Auftauchen des Coronavirus.

Sachlicher Blick notwendig!

Betrachten wir das Thema Affenpocken einmal auf verschiedenen Ebenen. Schauen wir zunächst auf die Social Media Ebene und die im Fahrwasser befindlichen Falschmeldungen. Wir kennen dieses Phänomen aus vorangegangenen sogenannten anlassbezogenen Situationen. Das bedeutet, immer dann, wenn irgendetwas Wichtiges geschieht, was uns als Gesellschaft betrifft, befinden sich im Fahrwasser dessen auf SOcial Media unter den Nutzerinnen und Nutzern Falschmeldungen und auch Verschwörungstheorien.

Dasselbe haben wir auch zum Thema Affenpocken vorliegen. Unter den Nutzerbeiträgen befindet sich viel Unsinn und Spekulation. Wie seinerzeit zum Coronavirus tauchen auch jetzt wieder sehr identische Falschmeldungen auf (was übrigens zu erwarten war!). Diese Falschmeldung sprechen von einem Labor erzeugten Virus, von Regierungen, die hier ein Virus forcieren würden oder von einer Biowaffe. Besonders verquer wird es, wenn Zusammenhänge zwischen dem Coronavirus und den Affenpocken gezogen werden.

Auf einmal kommen wieder Impfgegner auf dem Plan, die in den letzten Wochen eher in der medialen Berichterstattung und in der Eigendarstellung untergegangen sind. Sie haben keine Aufmerksamkeit mehr gehabt und bekommen. Doch das Thema der Affenpocken ist jetzt für sie ein Segen!

Über die Affenpocken kann sich jene Gruppe wieder erneut definieren und eine Panik hervorrufen, die im Grunde genommen gar nicht existiert. In den Diskussionsmittelpunkt kann erneut das Impfthema´gezerrt werden, das doch längst untergegangen und begraben ist. Dieses tote Pferd kann erneut aus der Versenkung geholt werden, ohne dass es überhaupt eine Relevanz hat. Es handelt sich um eine Selbstlegitimierung eines nicht vorhandenen Themas.

Die klägliche Rolle der Boulevardmedien

In einem weiteren Schritt schauen wir einmal auf die Boulevardmedien. In der Vergangenheit haben sich Boulevardmedien immer sehr affin gezeigt, wenn es um gesellschaftlich relevante Themen in Bezug auf deren extreme Dramatisierung handelte. Im aktuellen Kontext wird klassisches Framing und bestimmtes Wording aus der Coronapandemie mit dem Thema Affenpocken verknüpft. Ich spreche hier von Begriffen wie Quarantäne, Impfung oder Pandemie. Das sind alles drei Begriffe, die in unseren Köpfen ein ganz bestimmtes Bild und auch eine ganz bestimmte Haltung aufbauen.

Wir haben es hier mit emotionalen Themen zu tun, die wir mit ganz bestimmten Phasen und Emotionen aus den letzten beiden Jahren verknüpfen. Und genau darum geht es gerade. Es geht darum, dass wir emotional gebunden werden. Je emotionaler eine Überschrift, eine Schlagzeile oder Suggestionen sind, desto mehr neigen Menschen zum Konsum dieser Form der Berichterstattung. Ein Boulevardmedium, das in dieser Situation suggeriert, wir würden vor der nächsten Pandemie mit der nächsten Impfpflicht stehen, erzeugt entsprechend auf Social Media eine Menge Klicks. Und diese Klicks bedeuten natürlich auch eine Menge Reichweite. Und diese Reichweite bedeutet am Ende eine Menge Geld.

Und nun sehen wir eigentliche Ziel, um das es gehen dürfte. Menschen aufheizen, um sie an die eigene Berichterstattung zu binden, um damit ein Haufen Kohle zu generieren. Man verzeihe mir den Ausdruck, aber eine einfach zu verstehende Darstellung benötigt manchmal auch eine klare Sprache. Das, was in diversen Boulevardmedien geschieht, ist nicht nur verantwortungslos, das ist im Grunde genommen auch schon abartig.

Affenpocken: Das Ergebnis, dass nichts gelernt wurde!

Aber wir dürfen nicht allein auf Boulevardmedien schielen, denn auf der anderen Seite ist es auch besonders traurig, dass nach zwei Jahren Pandemie, dass nach vielen Jahren Social-Media-wilde-Sau-Berichterstattung, nach einer enormen Likejagd vieler Medien über Social Media die Leserinnen und Leser auf Social Media immer noch nicht verstanden haben, wie das Spiel funktioniert.

Schlimmer noch, nach vielen Vorträgen, nach vielen Auftritten, nach noch so vielen Interviews, in denen immer wieder gesagt wird, wie wichtig doch Medienkompetenz und Media Literacy, hat sich in all den Jahren rein gar nichts geändert. Das bedeutet, in Wirklichkeit will doch niemand etwas ändern, sondern dieses Spiel wird schlichtweg weitergespielt.

Wer die Klicks hat, hat die Macht und das Geld. Um etwas anderes geht es doch augenscheinlich gar nicht. Weder in der Berichterstattung vieler Medien, noch auf generell Social Media. Aufmerksamkeit ist die sich auszahlende Währung. Wer Aufmerksamkeit bekommt, bekommt die Reichweite, wer die Reichweite hat, kann sie gut vermarkten. Affenpocken spielen dabei an sich eine untergeordnete Rolle. Es könnte auch jede andere Krankheit sein. Sie muss nur in die Narrative der Schlagzeilenerzählung passen, dann lässt sie sich auch gut vermarkten.

Viele ermutigende Inhalte

Einen kleinen versöhnlichen Abschluss möchte ich noch liefern. Glückliche Weise gibt es sachliche und nüchterne Berichterstattung in vielen großen klassischen seriösen Medien. Dort wird nicht die Sau durchs Dorf getrieben, sondern Expertinnen und Experten werden befragt und deren Aussagen nüchtern und sachlich wiedergegeben. In seriöser Berichterstattung lesen wir, dass die kein Grund zu übermäßiger Sorge. Die Übertragung findet nur bei direktem Körperkontakt statt. Zudem gibt es Medikamente und auch eine Impfung ist möglich. Der Verlauf ist mild. Und im Gegensatz zum Coronavirus kann sich niemand „einfach so“ infizieren, weil sich eine infizierte Person in der Nähe aufhält. Ansonsten ist es sinnvoll, in der Beschreibung des RKI nachzuschauen.

An dieser Stelle kann ich nur deutlich wiederholen, was ich auch regelmäßig in meinen Vorträgen erzähle. Immer dann, wenn eine Schlagzeile extrem dramatisch, sehr einseitig, sehr überzogen klingt, wenn starke Emotionen aufgebaut werden, dann sollten wir alle vorsichtig sein. Dann sollten wir vergleichen, wer noch zu diesem Thema informiert und vor allem, wie an anderer Stelle geschrieben wird. Eine informative Berichterstattung beantwortet grundsätzlich erstmal die einfachen Fragen nach dem wer, wie, was, wann und wo. Emotionen spielen dabei keine Rolle, Interpretationen kommen erst auch immer zum Schluss.

Und ich kann daher nur alle Leserinnen und Leser bitten, sich nicht von einer emotionalen und Schlagzeilen-orientierten Berichterstattung in die Irre führen zu lassen, sondern nach nüchtern sachlichen und informativen Inhalten Ausschau zu halten. Und vielmehr bitte ich die Medienlandschaft: Lasst die Menschen in Ruh! Ihr wisst ganz genau, mit welchen Gefühlen ihr da spielt. Hört auf damit! Danke.


Hinweis: Dieser Inhalt gibt den Stand der Dinge wieder, der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuell
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