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In seiner Kolumne “Kleiner Mann, große Worte” schaut sich Friedemann Kipp die Kommentarspalten zu bestimmten Themen an. Anlässlich des Anschlags in Finsbury Park musste er ein paar widerliche Kommentare lesen.

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Hallo und willkommen zur neuen Kommentarkritik. Nachdem wir uns beim letzten Mal mit London beschäftigt haben, soll es heute zur Abwechslung mal um London gehen. Diese arme Stadt scheint irgendwie nicht zur Ruhe zu kommen. Nachdem ja nun schon mehrfach Fahrzeuge in Menschenmengen gelenkt wurden, hat sich nun also ein weiterer Täter an dieser in Mode gekommenen Zweckentfremdung von Kraftfahrzeugen beteiligt und seinen Van in eine Gruppe Muslime im Londoner Stadtteil Finsbury Park gesteuert. Die Menschen kamen gerade vom im Ramadan üblichen Nachtgebet. Ein Opfer starb, einige weitere wurden verletzt. Der Täter ist anschließend ausgestiegen, hat – laut Zeugenaussagen – Dinge gerufen wie „Ich töte alle Muslime“ und „Ich habe meinen Teil getan“. Ich denke, wir sind uns einig, dass das verachtenswert ist.

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Der Bürgermeister von London, Sadiq Khan, spricht von einem Terroranschlag. So viel erst einmal zu den Fakten.

So, nun gab es also eine Attacke auf Muslime. Basierend auf den mutmaßlichen Ausrufen des Täters wird hier sogar von Islamhass als Motiv ausgegangen. Klingt naheliegend, wie ich finde. Bei den armen kleinen Wutbürgern, die es gewohnt sind, dass Islamisten Anschläge gegen westliche Kufr verüben, führt diese neue Konstellation offenbar zu einer mentalen Kernschmelze. Schauen wir doch mal, was sie so von sich geben.

„Sie waren halt selbst schuld“

Die ersten Kommentare, die ich heute aufgreifen möchte, fanden sich unter diesem Artikel. Beginnen möchte ich mit Alessio. Sein Kommentar steht stellvertretend für viele, die in dieselbe Kerbe schlugen.

Dieses vorangestellte „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ war übrigens recht häufig zu lesen. Es handelt sich dabei um die pseudointellektuelle Variante von „selbst schuld“. Laut Alessio ist das wahllose Umbringen von Muslimen also in Ordnung, weil sie sich nicht ausreichend distanziert haben. Sag mal, Alessio, woher weißt du eigentlich, dass sie sich nicht distanziert haben? Glaubst du, der Täter hat vorher kurz angehalten und die künftigen Opfer gefragt, wie sie zum islamistischen Terror stehen? Und dann hat einer aus der Gruppe gerufen „Ach, das passt schon!“ Und dann hat der Kerl gewendet, Anlauf genommen und ist da reingeprescht? Eher nicht… Aber deine Auge-um-Auge-Mentalität sollte dir beim Umgang mit dem nächsten islamistischen Anschlag auf Christen ja zugute kommen. Das ist dann halt die “Quittung” dafür, dass man sich nicht ausreichend von diesem Anschlag hier distanziert hat, nicht wahr?

Ja, Beileidsposts helfen den Opfern nicht. Aber sie sind allemal nützlicher als diese empathielose Scheiße

Als nächstes haben wir Marius.

Marius ist ein ziemlich harter Knochen, der für Betroffenheit und Empathie nicht mehr als ein müdes Lächeln übrig hat. Leider ist er darüber hinaus auch noch nicht sehr clever. Denn wie wir ja bereits im letzten Eintrag herausgefunden haben, hat Sadiq Khan diese Aussage nie so getroffen sondern wurde vom Trump-Clan lediglich mehrfach fehlinterpretiert. Ja, Marius, du hast Recht, Beileidsposts helfen den Opfern nicht. Aber sie sind allemal nützlicher als die empathielose Scheiße, die du hier von dir gibst. Frag dich doch nächstes Mal einfach, ob du wirklich etwas zu sagen hast und wenn dir wieder nur so ein Mist einfällt, kommentiere einfach nicht.

Und natürlich darf auch eine ordentliche Portion Geschwurbel nicht fehlen:

Bico ist mir übrigens schon öfter begegnet, wenn ich für den Blog recherchiert habe. Er/Sie (Ich weiß es wirklich nicht :D) schreibt gerne solche Sachen. Tja, was soll man dazu sagen? Kurz gehaltene Sätze, die das Verschwörungstheoretiker-Hirn schonen, jeder Satz mit einem wahrheitsfördernden Ausrufezeichen beendet. Geht runter wie Öl, der Kommentar. Kleiner Tipp. Übersetzt es euch einfach mal ins Englische und lest es mit Trumps Stimme im Kopf. Ist ziemlich witzig.

Aber im Ernst, spätestens in dem Moment, in dem hier der Tod eines Menschen geleugnet wird, um das eigene verdrehte Weltbild irgendwo wieder gerechtfertigt zu sehen, ist eben auch mal Schluss mit lustig. Aber ich fürchte, jemandem wie Bico ist da auch nicht mehr zu helfen.

Die übrigen Kommentare habe ich unter einem Video gefunden. Der knapp zweiminütige Clip von Spiegel Online zeigt Szenen des Polizeieinsatzes am Tatort sowie ein Gespräch mit einem Zeugen.

Anschlag oder Unfall? Alles!

Auch hier wird die Frage, ob es sich um einen Anschlag handelt, kontrovers diskutiert. Teilweise vertritt sogar eine Person gleich mehrere Meinungen.

Ingeborg ist so ein Fall. Sie arbeitet offenbar beim Bundesamt für Tatsachenfestlegung und hat daher die Befugnis zu entscheiden, dass es sich „eindeutig [um einen] Anschlag“ handelt. Naja… und im Satz danach fordert sie, dass man auf Spekulationen verzichten solle. Ähm…ach, sie wird es schon noch selbst merken. Nächster bitte.

Wow, Rolf, das ist ja mal ein Prachtkommentar. Ein wenig Whataboutism, um die Opfer zu relativieren, gepaart mit der Aussage, dass es widerwärtig ist, Menschen zu töten und noch im selben Kommentar sagt Rolf, dass man „mit diesen Monstern […] kein Mitleid haben“ kann. Ach, also war das okay, dass da jemand einen Lieferwagen in friedliche Menschen gesteuert hat? Mord ist also nur widerwärtig, wenn Nicht-Muslime sterben? Das einzig Widerwärtige hier ist dieser Kommentar. Noch jemand was in der Richtung?

Jaah, Shery, hatten wir oben schon. Die Muslime sind natürlich selbst schuld, wenn sie sich nicht ausreichend distanzieren und mal eine Demo gegen den Terror veranstalten. Moment mal. Ach okay, die sollen gegen den IS demontieren. Okay, klingt fair. Dann bauen wir für nächsten Sonntag einfach ein paar hundert Ikea-Schränke auf und laden alle Muslime ein, diese wieder auseinanderzubauen und sich dabei vom IS zu distanzieren. Ich werde mir das definitiv ansehen. Und was soll eigentlich dieser traurige Emoji am Ende? Soll das nochmal so ein kümmerlicher Anflug von Empathie sein, zu dem dein Gewissen dich gezwungen hat, nachdem du behauptest, dass die Muslime daran selbst schuld seien?

Naja, vielleicht sehen wir alle das Thema ja ein wenig zu ernst. Offenbar kann man solchen Vorfällen nämlich auch mit Humor begegnen. Oder zumindest mit einem strammen Kubikmeter an lachenden Emojis.

HAHAHA, Mirna, ich weiß zwar nicht genau, was du sagen willst, aber HAHAHA, dein Lachen ist so ansteckend und überhaupt ist das ja alles total witzig, HAHAHA. Okay, ich glaube, Mirna will wissen, warum hier noch nicht von einem Terroranschlag gesprochen wird. Nun, dann will ich es mal nach bestem Wissen und Gewissen beantworten: Weil die Hintergründe noch nicht klar sind. Puh, das war schwierig. Warum man einen Kommentar zu einer solchen Tat in herzhaft lachenden Emojis ersäufen muss, erschließt sich mir irgendwie nicht so ganz.

Lasst euch nicht aufhetzen, weil.. ähm…. was?

Das heutige Schlusswort hat Cloudi. Sie ruft, im Gegensatz zu den ganzen aufhetzenden Kommentaren, tatsächlich zur Besonnenheit auf. Das ist zwar grundsätzlich löblich, allerdings kommt mir ihre Argumentation etwas … weit hergeholt vor. Aber seht selbst.

Nun alles klar, ihr lieben Funkmasten? Prima!

 

Ich will das Fazit heute kurz halten, da es sich inhaltlich eigentlich nicht von dem der letzten Woche unterscheidet: Erst denken, dann posten. Dass die Leute ihre Kommentare vor dem Absenden noch einmal auf Rechtschreibung und Grammatik hin prüfen, wage ich ja bereits gar nicht mehr zu hoffen. Aber noch einmal kritisch über den Inhalt schauen und sich die Frage stellen, ob man das Geschriebene wirklich neben dem eigenen Namen in einer öffentlichen Plattform stehen haben will, wäre ein Anfang. Und verdammt nochmal, seid doch alle mal etwas empathischer. Lasst euch notfalls von Cloudi erklären, wie das mit dem Willen der Liebe funktioniert. Vielleicht bringt es ja was.

 

Dann mal bis in zwei Wochen. Vielleicht ja mal mit einem anderen Thema.


Achja: Das ist bereits der fünfte Teil von Friedemann. Teil 4 Die dümmsten Kommentare zu den Anschlägen in England“ und Teil 3 „Die dümmesten Argumente gegen die Ehe für Alle“ gibt’s hier. Wer Lust hat, auch Teil 1 und Teil 2 zu lesen kann doch seinen Blog Kippfenster besuchen!

Friedemann Kipp, Kolumnist Volksverpetzer Ende 20, Wahlruhrpottler, Naturwissenschaftler auf Abwegen und angehender Blogger. Hier könnt ihr dem Volksverpetzer auf Facebook folgen.
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