Netzfrauen versus Tchibo: Echtfell oder echt kein Fell?


Es war ein beschaulicher 3. Adventssonntag, zumindest so lange, bis um 14:48 Uhr am 13. Dezember ein Statusbeitrag online ging, welcher große Wellen schlug.

Einschub vom 19.12.2015

Ja was war da denn kurz nach der Erstveröffentlichung dieses Artikels los? Verdrehungen, Beschimpfungen, Verleumdungen und Schuldzuweisungen. Mit Kopfschütteln und Schmunzeln haben wir so einiges an Kommentaren und Statusmeldungen nach der Erstveröffentlichung vernommen. Nicht nur uns ist das aufgefallen, auch vielen anderen Menschen und mehrere haben sich dazu entschlossen, auf dieses Phänomen aufmerksam zu machen. HuffPost, Spiegelfechter (auch hier ganz neu dieser zweite Artikel), Graslutscher (auch hier als Kommentator bei den Netzfrauen) und Volksverpetzer nahmen ebenso wie wir dieses Thema auf und sahen sich mit denselben Reaktionen konfrontiert wie wir. Psiram erweiterte sogar den vorhanden Eintrag umfassend.

Letztendlich ist der Bömmel, der in den sozialen Medien daraufhin schmunzelhaft zum #puschelgate avancierte, immer noch online und an dem ursprünglichen Vorwurf wurde nie etwas revidiert. Die Warnung „Vorsicht – #Tchibo hat Schlüsselanhänger „Echtpelz-Optik“im Angebot! Es steht kein Herkunftsland drauf.“ ist immer noch online, ebenso wie der Aufruf, diesen an Tchibo zu senden. 

Und um genau diese Meldung geht es – um nichts anderes. Es geht weder um eine pauschale Einordnung der Seite und der Inhalte, denn dafür sorgt die Autorin selbst, noch um einen Shitstormkampagne, auch dafür sorg man selbst, sondern es geht ausschließlich um den folgend dargestellten Schlüsselanhänger, welcher in die Kritik gezogen wurde. Zu unrecht, wie sich herausstellte, dennoch ist der Vorwurf weiterhin da.

Ursprünglicher Beitrag

Als Statustext sowie auf einem verteilbaren Bild wird hier gewarnt: “Vorsicht – ‪#‎Tchibo‬ hat Schlüsselanhänger „Echtpelz-Optik“im Angebot! Es steht kein Herkunftsland drauf.” Die Suggestion liegt hier sehr nahe, dass diese Schlüsselanhänger in Echtfell Optik auch aus Echtfell sind.

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(Screenshot: Facebook, öffentlicher Status)

Der Vorwurf:

Tchibo führe einen Schlüsselanhänger im Sortiment, welcher unter Umständen aus Echtfell ist. Die liest sich in dem Statusbeitrag:

Viele Käufer ahnen nicht einmal, dass sie echten Pelz tragen. Es gibt zwar eine Kennzeichnungspflicht, aber die ist oft irreführend, manchmal fehlt sie ganz.


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Zudem wird ebenso vor gesundheitlichen Folgen gewarnt, falls es sich tatsächlich um Echtfell aus unbekannten Quellen handelt.

Zu dem ohnehin schon grausamen Leid der Tiere gesellt sich die Gefahr für die Gesundheit, denn im flauschigen Jackenkragen verbergen sich oft gefährliche, sogar krebserregende Chemikalien.

Zusätzlich bekommt man noch die Information, dass diese Pelze, welche nach eigenen Angaben nun falsch deklariert seien, mitunter aus Katzen- oder Hundefell seien.

Würden Sie auch so ein Pelzbommel kaufen, wenn Sie wüssten, dass der Pelz von einer echten „Katze” stammt? Würden Sie Ihre neue Pelzmütze aufsetzen, wenn Sie wüssten, dass in Wahrheit ein Hund unter katastrophalen Umständen leiden musste?

In Kombination mit dem Bild entsteht nun die Botschaft, dieser Schlüsselanhänger von Tchibo sei

  • aus Echtfell
  • Tierquälerei
  • gesundheitsschädlich
  • eventuell aus Hunde- oder Katzenfell

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(Screenshot: Facebook, öffentlicher Status)

Warum genau vor dem Schlüsselanhänger gewarnt wird liegt nun in der Tatsache, dass in der Statusmeldung die These errichtet wird, dass die Kunstfasern dieses Anhängers aus China stammen und dieser Schlüsselanhänger womöglich einer Fehlauszeichnung unterliege, da man davon ausgehe, Kunstfelle aus China seien generell oder oftmals Echtfelle. Es geht bei dieser These also darum, dass trotz EU-Einfuhrverbot von Katzen- oder Hundefellen durchaus falsch deklarierte Artikel unter den Kunstfellen seien können.

Ein Blick auf das Produkt

Auf der entsprechenden Produktseite bei Tchibo findet sich eine Übersicht, in der auch die Produktzusammensetzung des Artikels zu finden ist. Die Produktseite findet sich auf der Tchibo-Webseite:

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(Screenshot: Tchibo)

Hier liest man unter der Angabe des Materials:

Material: 90% Polyacryl, 10% Polyester

Bei Polyacrylen und Polyestern handelt es sich weniger um kleine süße Nagetiere mit Buschelschwänzchen, sondern eher um Kunstfasern, welche industriell hergestellt werden. Bei diesen Polymeren handelt es sich um Textilfasern, deren Hauptproduzent China ist, jedoch nicht zwangsläufig sein muss. Das ergibt sich aus verschiedenen Quellen, welche sich jedoch einig sind, dass in China rund 2/3 aller Kunstfasern hergestellt werden. (siehe [1])

Der Vorwurf  von Seiten der Netzfrauen an sich ist jedoch, dass an dieser Stelle anstatt Kunstfasern falsch deklariertes Echtfell verwendet wird. Dies schlägt sich deutlich in den Aussagen der LeserInnen wieder, welche ebenso empört auf dem Facebookauftritt von Tchibo kommentieren und teilweise sogar so weit gehen und davon ausgehen, dass es sich um einen bewussten Verkauf von Echtfell handle.

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(Screenshot: Facebook)

Fragwürdige These der Netzfrauen

Es ist nun mehr als fragwürdig, diesem Produkt zu unterstellen, es handle sich um Echtfell, da Tchibo sich selbst dazu verpflichtet hat, keine Echtfelle zu verkaufen (siehe dazu auf Furfree-Parade). Eigenaussage:

Mit unseren Kampagnen verfolgen wir ein klares Ziel: Wir wollen den Tieren helfen. Im Fall der Pelztiere geht das am besten über Aufklärung. Denn eines ist klar: Je mehr die Menschen über das grausame Schicksal der Pelztiere wissen, desto geringer wird die Nachfrage nach Pelz.

Zu diesem Vorwurf gegenüber Tchibo haben wir den Dialog mit Tchibo gesucht und konnten von Seiten Tchibo aus ebenfalls bestätigt bekommen, dass hier kein Echtfell genutzt wird, sowie die Materialzusammensetzung durchaus geprüft wird.

Sehr geehrter Herr [ZDDK/Mimikama],

Tierschutz ist uns sehr wichtig, daher verwenden wir seit über acht Jahren keinen Echtpelz mehr. Wir verkaufen keine Kleidung, keine Accessoires oder andere Produkte, die echten Pelz enthalten – und werden dies auch in Zukunft nicht tun. Mit dem Beitritt zum internationalen „Fur Free Retailer Program“ der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ haben wir unsere Selbstverpflichtung 2013 nochmals bestätigt. Anfang 2014 haben wir zudem entschieden, Produkte mit Angora nicht mehr anzubieten.

Um gewährleisten zu können, dass ausschließlich Kunstfasern verwendet werden, wird die Materialzusammensetzung unserer Produkte durch externe akkreditierte Prüfinstitute analysiert.

Bei der These um das Echtfell handelt es sich augenscheinlich um die Schaffung eines kontrastreichen Schwarz-Weiß Bildes mit emotionalen Argumenten, welche sich jedoch nicht weiter beweisen lassen, gerade weil hier faktische Argumente gegenüber Tchibo außen vor gelassen wurden und auch wir machen uns an dieser Stelle nun darauf gefasst, einen Empörungssturm auszulösen, weil wir die These hinterfragen und der Ansicht sind, dass dieser Vorwurf gegenüber Tchibo mit einer hohen Wahrscheinlichkeit haltlos ist und die Warnung vor speziell diesem Produkt nicht nachweisbar ist.

Es gibt ein paar einfache und für jeden durchführbare Testmöglichkeiten mit denen man bestimmen kann, ob es sich um Echtfell oder Kunstfasern handelt. Gut, den Feuerzeugtest sollte man nicht im Laden machen, jedoch sind diese Tipps generell hilfreich und man kann durchaus davon ausgehen, dass Firmen, welche ihre Produkte als deutlich Kunstfaser verkaufen, diese und andere Tests ebenso kennen:

Juristisch problematisch

Problematisch gestaltet sich an dieser Stelle ebenso der Boykottaufruf, da sich hier die Netzfrauen unter Umständen strafbar machen. Der pauschale Aufruf zu „einfach alles boykottieren“ setzt an dieser Stelle voraus, dass Tchibo sich unzulässiger oder scharfer Mittel bedienen würde, was jedoch nirgends nachgewiesen ist. Ebenso wird pauschal und unter offensichtlicher Darstellung, dass man nicht bereit sei, die eigene These zu hinterfragen, Produkt und Firma in Verruf gebracht.

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(Screenshot: Facebook, öffentlicher Status)

Tierquälerei

Natürlich sprechen auch wir uns deutlich gegen jegliche Art von Tierquälerei aus, das darf nicht geduldet werden. Jedoch hat der Kunstfellbömmel in diesem Fall nichts mit den Quälereien zu tun. Wenn nun Firmen dies ebenso deutlich herausstellen, ist es sehr fraglich, warum man exakt diese Firmen anprangert, anstatt die Stellen anzuprangern, welche deutlich immer noch Echtfell und Pelz nutzen.

Tchibo gibt Auskunft darüber ab, was Tchibo mit den Netzfrauen gesprochen hat!

Auslöser war diese Nutzeranfrage:

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Die Antwort von Tchibo:

Quelle: Öffentlicher Statusbeitrag (Facebook)

Ebenso gab es deutliche und öffentlich sichtbare Botschaften von Tchibo an die Netzfrauen.

Tchibo – Twitter: (https://twitter.com/Tchibo_presse/status/676439982878400512)

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Anstatt zu revidieren

Das Märchen könnte hier zu Ende sein, doch anstatt zu revidieren ging es weiter. Nachdem es recht deutlich wurde, dass dieser Bömmel nichts mit irgendwelchen Echtfellen zu tun hat, überschlugen sich wohl einige Ereignisse, die wir nur mit Abstand beobachteten. Doch eigentlich wäre es so einfach gewesen, das mit der eigenen Würde und dem eigenen Ruf:

„Sehr geehrte Damen und Herren von Tchibo,

bei der These, dass der Schlüsselanhänger aufgrund falscher Deklaration aus Echtfell bestehen könnte, ist uns ein bedauerlicher Fehler unterlaufen. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Mit freundlichen Grüßen etcetc.“

(Vorangegangenen Satz stellen wir gerne als Formulierung zur Verfügung)

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