In den Focus gerückt …. [Mimikama Kommentar]


… beziehungsweise hat sich Selbiger durch eigene Kraft dort hingerückt. Und zwar mit Praktiken, die eine ganze Zunft von sich weist.

In den Focus gerückt, nicht zuletzt weil die konstruierte Dramatisierung und überspitzte Darstellung von Inhalten sich der Fasskante angepasst hat.  Und nun musste ich miterleben, wie eine Schlagzeile völlig tendenziell eine andere Aussage hergibt, als der Inhalt des zugehörigen Textes nachher. Das ist Clickbaiting einer ganz besonderen Art, das ist Clickbating am Ufer der Meinungsmache.

Besonders auffällig ist der Anstieg bei den Einsätzen in Nordrhein-Westfalen.

Posted by FOCUS Online on Sonntag, 14. Februar 2016

War es denn nicht genau jenes Magazin, welches in seinen Gründertagen von “Fakten, Fakten, Fakten” sprach und sich somit den Ruf der neutralen und sachlichen Nüchternheit auflegte? Fakten, Fakten, Fakten, nie hätte ich Gedacht, dass dies eher meinen Tätigkeitsbereich beschreibt, anstatt die Darstellung der Überschriften im social Media Auftritt eines wöchentlich erscheinenden Nachrichtenmagazins.

Denn wer diese Überschrift als ein Faktum ansieht, der hat leider nicht mit dem Inhalt des dazu gehörigen Textes gerechnet. Die Überschrift sagt aus:

Vertraulicher Lagebericht:  Diebstahl und Körperverletzung: 78.000 Polizeieinsätze in Asylunterkünften in NRW in 2015


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Da muss nun niemand weiter diskutieren, denn diese Überschrift sagt nichts anderes aus, als dass in Asylunterkünften allein in NRW im Jahr 2015 78.000 Polizeieinsätze aufgrund von Diebstahl und Körperverletzungen stattfinden mussten. Bitte korrigiere mich jemand an dieser Stelle, aber genau das sind die Wörter der Schlagzeile in einem vernünftigen Satz mit Subjekt, Prädikat und Objekt, sowie auch Nebensätzen, wie sie in der Schlagzeile genannt werden.

Liest man nun den Artikel (ja, man sollte ihn lesen und nicht nur Bilder und Kommentare anschauen), dann erfährt man im späteren Verlauf etwas völlig anderes:

Dabei handelte es sich in rund 90 Prozent der Fälle um Präsenz vor Ort, präventive Aufklärung und Information von Bürgern. Die übrigen zehn Prozent umfassten „insgesamt 7.759 außen veranlasste Einsätze“, bei denen die Polizei „aufgrund eines konkreten Anlasses“ vor Ort war, wie zum Beispiel Hilfeersuchen, Straftaten, Brandmeldungen oder politisch motivierte Straftaten, erklärte ein Sprecher der NRW-Innenministeriums gegenüber der „Welt“.

Schlagzeile, Artikelbild und dann erst im 3. Absatz erfährt man, dass die Polizei in Wirklichkeit “nur” 7759 Einsätze in Asylbewerberheimen in NRW hatte. Und jetzt kommt es: in der Zählung sind auch jene Enthalten, die sich gegen Unterkünfte richteten. Mir fällt da nichts mehr zu ein. Wo sind die versprochenen 78.000 Einsätze aufgrund von Diebstahl und Körperverletzung geblieben? Ich bin kein Flüchtlingsverteidiger, der Diebstahl und Körperverletzung hinnimmt, weil sie ja von “armen Flüchtlingen” begangen wurden. Bestimmt nicht. Doch hier geht es um etwas völlig anderes. Hier geht es darum, dass Sachverhalte wider besseren Wissens in Vorschauen und Überschriften falsch dargestellt werden, völlig verbogen und gezielt konstruiert aufgebaut werden. Und das von einer Stelle, die allgemeinhin als vertrauenswürdig gelten möchte.

Ein Freund von mir, der selbst freier Journalist ist, schrieb gestern dazu:

Der Focus titelt wie folgt:

„Vertraulicher Lagebericht – Diebstahl und Körperverletzung: 78.000 Polizeieinsätze in Asylunterkünften in NRW in 2015“ Macht man sich die Mühe und liest den Artikel dann auch (und eben nicht nur die Headline), so liest man dann auch Folgendes:

„Dabei handelte es sich in rund 90 Prozent der Fälle um Präsenz vor Ort, präventive Aufklärung und Information von Bürgern.“ Fazit: der Focus nutzt die ohnehin bereits aufgeheizte Stimmung um diese weiter anzuheizen und den Stammtischbrüdern Futter für ihre billigen Parolen zu liefern. Ganz schlechter Stil, Focus!

Gehen wir aber weg von den Flüchtlingsthemen. Denn dramatisieren und füttern kann man auch an anderen Stellen.

Hysterie

Manchmal scheint es mir, dass eine allgemeine Hysterie ausgenutzt, bedient und auch geschürt werden soll. Wie zum Teufel kommt man auf die Idee, mitten im Winter eine Alarmstufe “Rot” aufgrund von bevorstehenden Schneefällen auszurufen. Verdammt, es ist Winter! Da ist Schnee nicht ganz ungewöhnlich. Dass es sich hierbei nicht gleich um eine +++++Eilmeldung+++++ gehandelt hat, ist alles.

Der Winter kehrt zurück. Und zwar heftig!

Posted by FOCUS Online on Mittwoch, 3. Februar 2016

Manchmal umschleicht mich das Gefühl, dass egal zu welchem Thema immer wieder eine eh schon verunsicherte Schar noch weiter aufgescheucht werden soll. Und wenn es sich dabei nur um Schneefälle handelt, die einfach wie ein Bombenangriff mit dem militärischen Ausdruck Alarmstufe Rot beschrieben werden.

Hauptsache Drama, Hauptsache Skandal, Hauptsache gefährlich. Hauptsache Likes und Kommentare. Und das alles mit Hilfe von Überschriften.

#Überschriftenscheisserei

Ein von mir gerne verwendeter Begriff ist das Kunstwort “Überschriftenscheisserei”. Das ist mir nicht gerade erst eingefallen, sondern verwende ich bereits seit mehreren Monaten. Lange Zeit habe ich das Wort hinter vorgehaltener Hand genutzt, wenn man mal mit Redakteuren von Zeitungen gesprochen hat, jüngst aber auch unter Zustimmung auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Lügenpresse, denn es ist die Überschriftenscheisserei, die viel von dem kaputt macht, was am Ende in den Artikeln ausgesagt werden soll.

Ich habe nichts gegen Clickbaiting, echt nicht. Ich habe mehrfach geschrieben, dass ich Clickbaiting für eine Kunst halte. Ich gebe auch zu, dass Clickbaiting für Plattformen, welche auf Facebook eine Seite betreiben und dort ihre Inhalte präsentieren, in gewissem Maße wichtig ist und auch notwendig ist. Clickbaiting muss nicht unbedingt negativ sein. Im Grunde betreibt jeder auf Facebook Clickbaiting.
Doch am Ende ist es die Contentspanne des Clickbaitings, welche über den Enttäuschungsgrad des Lesers entscheidet.

Doch man kann Clickbaiting auch so weit übertreiben, dass man Überschriften einfach nur noch dahinscheißt. Und dann noch so dahinscheißt, dass sie manipulativ wirken. Denn irgendwie ist es schon auffällig, dass aus dem zurückhaltenden Kopfschütteln mittlerweile offene Distanzierung geworden ist. Der Respektvorschuss ist aufgebraucht – aus anfänglichen Vorwürfen, wie zum Beispiel in der TAZ, werden immer lautere kritische Stimmen.

Eine sich distanzierende Branche, aus dem Munde von Stefan Niggemeier ist damit gemeint, dass es für Journalisten Zeit sei, sich sowohl von dem kritisierten Magazin, aber auch (und das ist umso wichtiger) von den Methoden zu distanzieren. Die Methoden, dass Überschriften die Meinung diktieren, dass Überschriften irreführend und polarisierend konstruiert werden und am Ende durch den eigenen Artikel revidiert werden. Das sind Methoden, die in keiner Weise dienlich sind, sondern nur Hysterie verbreiten und eher Unwissen anstatt Wissen verbreiten. Wer bewusst eine schwammige und missinterpretierbare Überschrift konstruiert, nimmt direkt in Kauf, dass aufgrund der eigenen Berichterstattung Halb- und Unwahrheiten verbreitet werden.

Und alles nur für den Klick! Nur für die Jagd nach dem Like, dem Kommentar, der Verteilung. Denn der Erfolg von Onlineartikeln, speziell auf Facebook, wird anhand von Likes, Comments und Shares gemessen. Und wir alle kennen Facebook und das Nutzerverhalten: man will keine klugen Artikel auf “externen” Webseiten lesen, sondern so kurz wie möglich und einfach alles auf Facebook präsentiert bekommen. Wenn es einem gefällt, gibt man sein Like. Wenn man derselben Meinung ist, dann teilt man es. Und wenn man seinen Senf dazugeben will, dann kommentiert man zudem. Und die Kunst, ihre Leser damit zu bannen – ganz ohne wirklich einen Inhalt präsentieren zu müssen – schaffen einige eben erfolgreicher als andere.

Erfolg gibt Recht!?!?

Die Auswertung über genau diesen “Erfolg” kann man im Ranking der Like-Medien aus dem Januar 2016 nochmal deutlich sehen: vorne steht exakt die Methode, die aber auch zunehmend in der Kritik steht.

Mein lieber Freund und “Volksverpetzer” Thomas Laschyk stellte neulich folgende These auf:

Du willst einen journalistischen Artikel schreiben? Suche dir zwei Sachen aus, auf ein drittes musst zu verzichten:

– Nicht zu lang
– Leicht verständlich
– Inhaltlich korrekt

Aaah. Wann hat man einen Sachverhalt so verkürzt und vereinfacht, dass er nicht mehr richtig wiedergegeben wird…

Wer sich demnach auf leicht verständliche und von Natur aus kurze Überschriften konzentriert, muss dementsprechend sein Manko an anderer Stelle eingestehen. Aber man ist erfolgreich.

image
(Quelle: 10000flies)

Doch gibt der Erfolg in der Methodenwahl recht? Ist es wirklich der richtige Weg, den Journalismus gehen soll und darf? Der Erfolg ist ja nur gegeben, weil die Leser es zulassen. Insofern steht man als Leser in der Teilschuld, aber auch in der Teilverantwortlichkeit. Daher kann ich die Aussage von Carsten Drees in seinem Artikel “Focus Online: Journalistischer Untergang des Abendlandes” auf Mobilegeeks nur unterstreichen:

Schreibt auch direkt an den Focus und sagt ihnen – ruhig in einem vernünftigen Ton – dass ihr diese Art der unseriösen Berichterstattung nicht akzeptiert.

Zugegeben, die Methoden der Überschriftenscheisserei und der schwachen Inhalte mögen erfolgreich sein. Die einen sehen halt, wenn sie sich im Spiegel betrachten, gute Klickzahlen und ein erfolgreiches Marketing. Ich für meinen Teil brauche jedoch diese Methoden nicht und bin stolz darauf, wenn ich in meiner Hose goldene Eier sehe.

Vielen Dank für das Lesen bis zum Ende! Auch wenn ich mich gemäß der  Laschyk´schen These für das Manko an „Nicht zu lang“ entschieden habe.

[Nachtrag: ebenso lesenswert wie die im Artikel eingefügten Verweise:
Skurrile FOCUS-Reichweite: Wird die Onlinewelt zum Clickbait-Puff? Eine Abrechnung. ]

Dieser Kommentar spiegelt ausschließlich die Ansicht des Autors wider.

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